Okay, ich hatte euch ja darum gebeten, mir all eure Fragen zu stellen und damit habt ihr mir ordentlich zu tun und zu denken gegeben.
Ich versuche jetzt also erstmal euren Wissens- und Informationsdurst zu stillen :)
Ich kann nicht sagen, dass es mir gefallen hat. Ich muss aber sagen, dass ich mein Auslandsjahr nicht bereue, denn ich habe viel gelernt und viele Erfahrungen gemacht, auch wenn das nicht (immer) einfach war. DAS LEBEN IST HART.
Das mit dem Gefallen ist aber auch so eine Sache. Erstmal sind alle meine Gedanken, Eindrücke und Wertungen, damit also inbegriffen, was ich jetzt schreibe und veröffentliche, eine reine Momentaufnahme und mit einigem zeitlichen Abstand wird sich mein Bild von meinem ADiA sicherlich noch ändern. Sofern ich nicht an argem Gedächtnisschwund leiden werde, kann ich aber wohl zu keiner Zeit behaupten, dass ich es genossen habe, obwohl es natürlich auch positive Aspekte gab. (Es gibt ja immer zwei Seiten der Medaille.)
Dieses vergangene Jahr, vom 16.09.2009-31.07.2010 war auf jeden Fall das härteste meines Lebens bis jetzt. Ich hoffe, das bleibt es.
Ich habe mich sehr verändert. Ich bin erwachsener geworden. Ruck- und schlagartig sehr erwachsen. Vielleicht zu erwachsen. Ich merke selbst die Momente, wo ich wieder Kind bin oder es versuche und das fällt mir leider sehr schwer. Ich muss erst lernen mich wieder fallen zu lassen und abzuschalten. Frei von Sorgen zu sein und so... (Die meisten von euch werden wissen, was ich meine.)
Ich bin aber auch weitsichtiger geworden und wissender, weil ich sehr viel gelernt habe, vor allem viel für das Leben. Ich habe Menschen aus allen Teilen der Erde kennengelernt, na gut, die Antarktis war nicht vertreten. Jedenfalls lernt man von anderen Menschen Dinge anders zu tun, man lernt andere Dinge kennen (Paradebeispiel Essen) und andere Lebensstile.
Ich kann nicht jedem empfehlen die Erfahrungen zu machen, die ich gemacht habe, denn einerseits sind auch Dinge dabei, auf die ich auch hätte verzichten können und andererseits muss man auch einige Chraktereigenschaften mitbringen, um ein solches Jahr unbeschadet zu überstehen und überhaupt erst einmal durchzuhalten. Denn das kostet unglaublich viel Kraft, Geduld, Rückhalt, Weitsicht, Toleranz, Nachsicht, Verständnis, Gelassenheit und Mut. Dazu muss aber gesagt werden, dass jeder seine eigenen Erfahrungen macht und niemand sein Auslandsjahr genau so erleben wird, wie ich es getan habe. Man sollte sich also genau überlegen, ob man wirklich WIRKLICH ein GANZES Jahr im Ausland verbringen möchte.
Ich betone "ganzes" hier besonders, weil eine Sache sehr an mir gekratzt hat: Ich fühlte mich, als hätte ich kein zu Hause mehr, weil ich mich in Liverpool nicht heimisch gefühlt habe und nicht konnte. Aber, da ich schon so lange von zu Hause in Viesecke weg war, und sozusagen ausgezogen bin, fühlte ich mich dort auch nicht mehr zu Hause. Auch weil ich ja wusste, dass ich nach meiner Rückkehr in eine Universitätsstadt ziehe und Viesecke schon deswegen nicht mehr mein zu Hause ist.
Wäre ich also nur für drei Monate oder so weggewesen, dann wäre das wohl kein Problem geworden. Wenn man aber ein Jahr (annährend) kein zu Hause hat, beginnt dies am Gemüt zu nagen.
Jede/r, der sich also irgendwann mal vor eine solche Entscheidung stellt, sollte genau abwägen, ob er/sie das auch wirklich durchziehen will. Man sollte wissen, auf was man sich einlässt, was bei mir nicht der Fall war. Damit dies nicht noch jemandem passiert, kann er/sie sich ja mit mir in Verbindung setzen. Ich rede hiermit aber nicht das Auslandsjahr an sich schlecht, ganz im Gegenteil denke ich, dass es eine große Chance ist für junge Menschen, mal die Welt zu sehen und das eigene Leben ein Stück weit zu prägen und einzigartig zu machen.
Während der Zeit in Liverpool habe ich meine Grenzen kennengelernt, mein Gewissen, meine Ängste, meine Schwächen, aber auch meine Stärken. Meine Umgebung, mein Leben und meinen Kopf, sprich: Ich denke jetzt über Dinge nach, über die ich mir sonst keine Gedanken gemacht hätte, die ich nicht merken würde und vermutlich auch kein anderer, ergo: Weitblick :)
Ich lese gerade die Fragen: Haben dich mehrere Ereignisse nachhaltig geprägt? Welche waren ganz besonders positiv/negativ?
Dazu schießen mir Bilder durch den Kopf, manche immer immer wieder. Manche sehr erdrückend, manche sehr erhellend, alles persönliche Erfahrungen, die mir sehr nahe gehen. Einige über die ich nicht schreiben kann oder will. Ich möchte versuchen, euch eins genauer zu beschreiben: Ich stehe hinter meiner kleinen schäbigen Wohnung im noch kleineren schmuddeligen und feuchten Hinterhof. Es riecht nach ekelhaften fast-food-Abgasen und der Lärm der Straße und der Ampeln drängt über die Mauer in meinen Kopf. Ich blicke über die kahle trostlose und mit Glasscherben besetzte Mauer. Abgesehen von dem blauen Himmel kann ich nur alte graue und heruntergekommene Gemäuer sehen. In der Gasse hinter dem Hof ist es dreckig und der Müll und Schrott stapeln sich. All diese Eindrücke vermitteln einen Einblick in die dortige Gesellschaft und verkörpern für mich pure Vernachlässigung. Dies zu schreiben bringt mich leider den Tränen nahe, denn all das wirkt noch jetzt sehr erdrückend und erstickend, trist und arm, schmutzig und vernachlässigt.
So erstmal zur nächsten Frage: Ja, ich denke mein ADiA hat sich gelohnt und ich denke er wird sich noch lohnen. Es ist komisch das jetzt so zu sagen, weil es sich die ganze Zeit nicht so angefühlt hat, aber ich hoffe und denke, es zahlt sich in Zukunft aus, ein solches Auslandsjahr gemacht zu haben.
Ich habe mir mein "year abroad" viel lockerer, leichter und lustiger vorgestellt. Spezielle Vorstellungen hatte ich nicht an meinen ADiA, aber wenn ich irgendwelche Erwartungen hatte, dann wurden diese wohl (eher) nicht erfüllt. Alles, was ich mir für mein Auslandsjahr gewünscht habe, wenn man das so sagen kann, wurde von Beginn an erdrückt und mein Projekt wurde zur Geduldsprobe, bei der nur eins galt: Durchhalten!
Ich weiß nicht, ob ich jemanden vermissen werde. Ich werde an einige Leute, insbesondere die core members, also die Behinderten, die ich aber nicht als Behinderte wahrnehme(!), zurückdenken. Hätte ich mein Auslandsjahr genossen, würde ich wahrscheinlich auch die Leute (ein bisschen) vermissen.
Ja, ich wäre jetzt gerne die ganze Zeit nur froh, aber das kann ich nicht, denn meine Erinnerungen kann und will ich nicht verdrängen. Ich kann nicht sagen, ob ich erwachsener bin als Gleichaltrige, dafür fehlt mir der Vergleich, aber wahrscheinlich wird sowieso jeder anders erwachsen und sollte dabei doch ein Stück weit Kind bleiben!!!
Ich hoffe, ihr freut euch über meinen Blogeintrag und habt vielleicht auch weiter Spaß an meinem Blog, dessen Zukunft noch nicht entschieden ist.
Bis dann, euer Hannes
PS: Als nächstes könntet ihr vielleicht Fotos von unserer neuen Wohnung hier bestaunen :] Was haltet ihr davon? Interessiert das irgendjemanden?
Samstag, 7. August 2010
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