In diesem Sinne ist das Land sehr fortschrittlich, was das erste Mal wohl meinen Erwartungen an England entspricht. Denn meine Vorstellung war immer, dass "the UK" als westeuropäisches Industrieland, mindestens genauso weitentwickelt ist, wie Deutschland. Dazu kommt dann ja noch der Nationalstolz und, dass das Vereinigte Königreich ja mal Weltmacht war und ich dummerweise erwartet habe, dass dies von der Vergangenheit noch immer auf die Gegenwart abfärbt. Aber ich bin total falsch in dieser Annahme. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Ich bewege mich hier - ohne Übertreibung - in einer Gesellschaft, die am Abgrund steht. Es wirkt für mich wie ein Teufelskreis, wie ein Strudel in den die Gesellschaft hineingerutscht ist und sich nicht darausretten kann. Liverpool war vor etwa 100 Jahren mal eine Metropole, in der das Leben blühte. Sie war nie reich, aber pulsierte, denn hier gab es aufgrund der Arbeit viele Menschen. In der Geschichte war Liverpool mal Umschlagplatz für 40% aller Waren des Welthandels!!! Das kam durch die günstige Lage am Atlantik, Dreieck Europa, Afrika und Amerika (Sklavenhandel und Emigranten grhörten zum Hauptgeschäft).
Irgendwann ist jedoch ein Punkt gekommen, an dem all das zusammengebrochen ist und Liverpool total verarmte. Die Leute (sprich u. a. eine riesige Menge an Hafenarbeitern) verkrochen sich in der Arbeitslosigkeit. Und ganz ehrlich, die Situation war ja dann auch aussichtslos. Die Kinder dieser Leute wuchsen also nciht nur in Armut auf, sondern haben auch nie gesehen, wie ihre Väter oder Eltern allgemein arbeiteten. Die Vorbilder gingen flöten. Die viele Freizeit muss man dann mit anderen Dingen füllen und das tun die Menschen natürlich auch. Meine Vermutung sagt mir, dass sich dadurch die große Begeisterung, um nicht von Fanatismus zu sprechen, zum Fussball entwickelt hat. Fussball ist ja nichts schlimmes, viele, insbesondere Jugendliche, wurden/werden aber auch kriminell. Und die heutige Situation ist immernoch aussichtslos ;(, denn der Strudel ist mittlerweile so stark, dass die Gesellschaft droht unterzugehen.
Um es ein bisschen zu verdeutlichen, hier was mir an tagtäglichen und offensichtlichen Auswirkungen in den Sinn kommt:
- die Straßen sind verdreckt und zugemüllt
- es gibt selbst oder gerade im Park keine Mülleimer
- Mülleimer werden in Brand gesteckt oder gehen direkt in die Luft (mit selbstgebauten Sprengsätzen)
auf Straßen, Gehwegen und an Mauern klebt Farbe: Rückstände ehemaliger Plastikmülltonnen, auch abgebrannt
- die Kinder und Jugendlichen schmeißen Mülltonnen, die auf der Straße oder dem Gehweg stehen um, egal ob leer oder voll, und zwar morgens auf dem Weg zur Schule
- aufgebrachte Anwohner betiteln die "Gören" dann mit den schlimmsten Schimpfwörtern, die in der Sprache vorhanden sind
- die Stadt wird videoüberwacht, das heißt: alle öffentlichen Gebäude, Einkaufsläden, Taxis, Straßen und sogar Parks - teilweise fahrt die Polizei mit mobilen Kameras herum.
Ansonsten geht hier auch ganz gut zu. Es könnte natürlich besser sein, aber dann wäre es wohl nicht Liverpool und nicht mein ADiA. Wäre wohl das ganz normale Leben in Deutschland, beim Studium oder so. Ich freue mich also bald wieder nach Hause zu kommen. Um alle wiederzusehen, also natürlich vorneweg meine Familie, auch wenn von der dann noch nicht mal alle kenne ;)
Hier passiert aber sonst nicht viel: Im März werde ich auf retreat gehen, im April habe ich Urlaub und werde mit Katrin Liverpool auch mal kulturell entdecken und London unsicher machen. Danach sind es zum Glück nur noch drei Monate bis ich endlich zurückkommen werde. Ich bezweifle, dass da noch viel passiert. Jede einzelne Entwicklung und Veränderung scheint - wenn überhaupt voranzukommen - im Schneckentempo "fortzuschreiten".


Endlich mal wieder was neues vom weit-weit-weg-Hannes! Immer wieder schön, was von dir zu lesen.
AntwortenLöschenJa, wir können den Winter hier in vollen Zügen (und zwar im doppelten Wortsinn, weil DB und SBahn immernoch Probleme haben) genießen.
Als wir den Iglu gebaut haben, waren es +2° und dann kam nochmal die große Kälte. In den Nächten bis -10°. Der Iglu ist jetzt hart wie Beton und wird wahrscheinlich noch eine Weile stehen bleiben, weil es in den nächsten Tagen nicht wirklich wärmer werden soll...
Übrigens darfst du den Standort der Schneeglöckchen nicht verraten; im Hintergrund ist eine noch stehende Mülltonne zu erkennen. Und die soll doch lieber auch stehen bleiben ;-)
Hi Hannes,
AntwortenLöschenjetzt da du das noch mal schreibst mit den Zuständen in den Straßen... fallen mir deine Bilder mit den beschädigten Autos ein.
Zum Iglu nach Viesecke, ich hätte auch gern wieder Schnee oder dann doch gleich den Frühling.Hier in MD da weiß der Winter nicht so recht was er mit sich anfangen soll. Deswegen bleibt er unentschlossen und variiert ab und zu die Temperaturen. Der Bereich ist aber auch nur klein und befindet sich meistens im Minusbereich (brrrr!)jetzt kommt aber das große ABER, es soll doch wieder schneien... mal sehen
-->so jetzt muss ich erstmal die Mülltonne auf dem Bild suchen...:-)
Das Wortspiel ist echt gut Divisor und ja ich weiß, dass dort eine Mülltonne am oberen Bildrand zuerkennen ist. Ich bezweifle aber, selbst wenn ich verraten würde wo das Bild entstanden ist, dass irgendein liverpudler Rowdy meinen Blog liest und versteht :)
AntwortenLöschenHi Hannes, schön, von dir zu hören und zu lesen. Das gibt uns das Gefühl, dass du nicht ganz so weit weg bist. Ich habe im Moment viele Klausuren (letzte Woche 2, diese 3 und nächste 4) und dann habe ich es endlich geschafft und kann mich auf die nächste Herausforderung freuen ;-) Bin schon sehr gespannt. Noch knapp vier Wochen! Wir halten dich auf dem Laufenden!
AntwortenLöschenLiebe Grüße,
deine Angela
Ich bins nochmal: Du schreibst ja jedem liverpudlianer rowdy sämtliche Intelligenz und Deutschkenntnisse ab. Vielleicht - es ist nur eine vage vermutung - färbt ja die bedeutung des stadtnamens auf die bevölkerung ab -> siehe Wikipedia!
AntwortenLöschenein lustiger jingle: http://download.fritz.de/jingles/2010/Fritz_Augentinitus.mp3
Aber noch ein Wort zum vorherrschenden Winter: Es ist doch immer wieder schön, erkennen zu müssen, dass jeder Meter, den man gehen möchte mitunter ganze halbe Minuten dauern kann. Und es ist unglaublich schön, sich bei einem gekonnten Sturz mit den Händen abzufangen und sich dabei die gestreuten, überhaupt nicht scharfkantigen, Rollsplittkörnchen in die Handflächen zu drücken. Wirklich ein Vergnügen. Oder das selbst ein klitzekleiner Bremstest mit dem Hinterreifen des Fahrrades in noch nie gesehene Strauchelbewegungen ausartet. Auch beim Autofahren sollte man in manchen Situationen nicht einmal ans Bremsen DENKEN, weil das ABS dann schon anspringt.
du kannst also in gewissem Maße ein bisschen froh sein, dass du keinen richtigen Winter hast, weil du ja weißt, was passiert, wenn die Wege nicht geräumt wurden und sich nach wechselseitigem Tau- und Frostwetter eine zentimeterdicke, spiegelglatte Eisdecke ausbreitet.
dazu noch ein paar andere links:
http://download.fritz.de/jingles/aktuell/lieber_winter2.mp3
http://download.fritz.de/jingles/aktuell/lieber_winter3.mp3
Beste Grüße vom Divisor